Wenn wir gemeinsam deinen Antrag für eine Berufsunfähigkeitsversicherung (BU) ausfüllen, schauen wir uns deinen Arbeitsalltag sehr genau an. Versicherer wollen nicht nur wissen, was auf deiner Visitenkarte steht (z. B. „Projektleiter“), sondern vor allem, wie du deinen Tag tatsächlich verbringst.
Fast alle Gesellschaften unterscheiden dabei drei Bereiche:
Bürotätigkeit
körperliche Tätigkeit
Reisetätigkeit
Diese Einteilung ist entscheidend für deine Berufseinstufung – und damit für Beitrag, Annahmerisiko und Bedingungen. Je nach Mischung dieser drei Bereiche ordnet dich der Versicherer in eine bestimmte Berufsgruppe ein.
Für den Versicherer ist Bürotätigkeit in der Regel die „sicherste“ Form der Arbeit. Ein hoher Büroanteil führt oft zu günstigeren Beiträgen und einer besseren Einstufung.
Was dazu gehört:
Arbeiten am Schreibtisch (PC-Arbeit, E-Mails, Schreiben, Auswertungen)
Telefonate, Videokonferenzen
Bearbeiten von Akten, Unterlagen, Konzepten
Besprechungen und Meetings im Büro oder Konferenzraum
Wichtig ist: Es spielt keine Rolle, wo der Schreibtisch steht.
Arbeit im Firmenbüro
Arbeit im Homeoffice
Arbeit im Besprechungsraum beim Kunden
Arbeit im Bürocontainer auf der Baustelle mit Laptop
All das ist für den Versicherer Bürotätigkeit, solange du überwiegend sitzt und geistig/organisatorisch arbeitest.
Typischer Irrtum:
„Ich arbeite ja beim Kunden, also ist das keine Bürotätigkeit.“
Doch – wenn du beim Kunden in Besprechungen sitzt, am Laptop planst oder Konzepte vorstellst, ist das für die BU Bürotätigkeit, egal, in wessen Gebäude du sitzt.
Bei der körperlichen Tätigkeit geht es darum, wie stark dein Bewegungsapparat (Rücken, Knie, Gelenke, Schultern, Hände) belastet wird. Je höher dieser Anteil, desto kritischer bewerten viele Versicherer die Tätigkeit – das kann sich auf Berufsgruppe, Beitrag und eventuell auch auf Zuschläge oder Einschränkungen auswirken.
Was dazu gehört (nicht nur „schwere“ Arbeit):
Längeres Stehen und Gehen
z. B. Bauleiter auf der Baustelle, Verkäufer im Laden, Pflege, Gastronomie
Zwangshaltungen
z. B. Zahnarzt/Zahnärztin, Friseur/in, Fliesenleger/in, Arbeiten über Kopf
Heben, Tragen, Schieben, Ziehen
z. B. Musterkoffer im Vertrieb, Aktenkisten, Materialien, Pakete, Werkzeug
Feinmotorische Handarbeit
z. B. handwerkliche Tätigkeiten, Montage, Laborarbeit, Präzisionsarbeiten

Wichtig ist: Auch vermeintlich „leichte“ körperliche Tätigkeiten sind relevant. Für die Einstufung zählt, ob dein Körper regelmäßig belastet wird, nicht nur, wie anstrengend sich das subjektiv anfühlt.
Reisetätigkeit sorgt im BU-Antrag besonders häufig für Missverständnisse. Ein hoher Reiseanteil (oft ab ca. 20–30 % der Arbeitszeit) kann von Versicherern kritisch gesehen werden, weil das Unfallrisiko im Straßenverkehr steigt. Das wirkt sich dann ebenfalls auf die Berufsgruppe aus.
Was dazu gehört:
Die Zeit, in der du dich beruflich tatsächlich fortbewegst, z. B.:
Fahrtzeiten im Auto zu Kunden, Baustellen oder Niederlassungen
Zugfahrten zu Dienstreisen
Flüge zu geschäftlichen Terminen
Was nicht dazu gehört:
Der normale Weg von deiner Wohnung zu deinem festen Arbeitsplatz
(das ist der klassische Arbeitsweg, nicht Reisetätigkeit im Sinne der BU)
Die Zeit, die du am Zielort arbeitest
z. B. Kundentermine, Besprechungen vor Ort, Arbeiten am Laptop im Hotel oder beim Kunden – das ist in der Regel Bürotätigkeit oder ggf. körperliche Tätigkeit, aber keine Reisetätigkeit mehr
Entscheidend ist: Nur die Zeit, in der du „unterwegs“ bist, zählt als Reisetätigkeit – nicht der gesamte Tag außerhalb deines Stamm-Büros.
Gerade im Außendienst oder in projektbezogenen Berufen passiert schnell eine Fehleinschätzung.
Viele denken:
„Ich bin heute 8 Stunden beim Kunden in München, also habe ich 8 Stunden Reisetätigkeit.“
Das ist falsch – und kann zu einer ungünstigeren Berufseinstufung führen.
Beispiel:
Du fährst als Projektleiter zu einem Kunden:
Hinfahrt: 1 Stunde
Arbeit vor Ort (Meetings, Planung am Laptop, Abstimmungen): 6 Stunden
Rückfahrt: 1 Stunde
Gesamter Arbeitstag: 8 Stunden
Für die BU-Einstufung werten wir das so:
Reisetätigkeit: 2 Stunden (nur die Fahrtzeiten)
Bürotätigkeit: 6 Stunden (Besprechungen, Laptop-Arbeit vor Ort)
Wenn du in so einem Fall 8 Stunden Reisetätigkeit angibst, kann der Versicherer dich z. B. wie einen Vertreter oder Berufskraftfahrer einstufen. Das führt häufig zu höheren Beiträgen oder schlechteren Bedingungen – obwohl du faktisch einen großen Büroanteil hast.

Es lohnt sich, hier gemeinsam etwas genauer hinzuschauen. Dafür gibt es vor allem zwei Punkte.
Die Tätigkeitsbeschreibung im Antrag ist für den Versicherer die Grundlage, um dich in eine Berufsgruppe einzuordnen. Davon hängen unter anderem ab:
Höhe des Beitrags
ob dein Beruf überhaupt versicherbar ist
ob Zuschläge oder Einschränkungen hinzukommen
Wenn wir den Büroanteil zu niedrig oder den körperlichen Anteil bzw. die Reisetätigkeit zu hoch ansetzen, kann das zu einer unnötig schlechten Einstufung führen.
Wenn wir umgekehrt die Tätigkeit „schönrechnen“, also z. B. körperliche Anteile oder viel Fahrerei verschweigen, wird es problematisch:
Die Einstufung ist dann zwar günstiger
der Versicherer hat aber im Zweifel das Recht, sich im Leistungsfall auf falsche Angaben zu berufen
Deshalb ist das Ziel: realistisch, aber sauber erklärt. Oft bekommen wir so eine bessere Einstufung, als wenn du im Antrag selbst grob schätzen würdest.
Rechtlich kommt es im Leistungsfall auf deinen tatsächlich ausgeübten Beruf an, so wie er zuletzt ohne gesundheitliche Einschränkungen ausgestaltet war. Die Tätigkeitsbeschreibung im Antrag ist dafür nicht die einzige Grundlage – aber sie spielt eine Rolle:
Sie dient als Indiz, wie dein Beruf typischerweise aussah
Große Widersprüche zwischen Antrag („100 % Büro“) und späterer Schilderung („Ich war viel körperlich tätig und ständig auf den Beinen“) wecken Misstrauen.
Bei grob falschen Angaben kann der Versicherer sich auf eine Verletzung der vorvertraglichen Anzeigepflicht berufen. Siehe auch: Vorvertragliche Anzeigepflicht
Mit einer ehrlichen und differenzierten Tätigkeitsbeschreibung schaffen wir also zwei Dinge:
eine nachvollziehbare Berufseinstufung beim Antrag
weniger Angriffsfläche für Diskussionen im Leistungsfall
Du musst deinen Arbeitstag nicht auf die Minute genau in Prozent umrechnen. Hilfreich ist es aber, wenn du dir eine typische Woche grob strukturierst.
Ein praktischer Ansatz:
Schreibe stichpunktartig auf, was du beruflich machst und wie oft:
„Ca. 3 Stunden pro Woche im Auto zu Kunden.“
„Ca. 5 Stunden pro Woche Begehung von Anlagen (Stehen/Gehen/Leitern).“
„Restliche Zeit am Schreibtisch (Planung, E-Mails, Telefon, Besprechungen).“
Überlege, welche Tätigkeiten eher körperlich, welche eher Büro und welche reine Reisezeiten sind.
Sonderfälle (z. B. saisonale Spitzen, regelmäßige Montageeinsätze, wechselnde Einsatzorte) kannst du ebenfalls kurz notieren.
Aus diesen Informationen erstellen wir dann gemeinsam eine stimmige, realistische und für den Versicherer gut nachvollziehbare Tätigkeitsbeschreibung, die zu einer fairen Berufseinstufung führt.
Wenn du dir bei der Einordnung deines Tätigkeitsprofils unsicher bist, melde dich gern. In einem persönlichen Gespräch können wir deinen Arbeitsalltag Schritt für Schritt durchgehen und so deine BU-Absicherung auf ein möglichst stabiles Fundament stellen.